Frage nicht was dein Land für dich tun kann…

….sondern was du für dein Land tun kannst!

Dies waren die Worte, mit denen am 20. Januar 1961 John Fitzgerald Kennedy seine erste und letzte Amtszeit als der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der – wie sich später herausstellen sollte – nur 1.036 Tage später durch einen Kopfschuss ein jähes und in seiner politischen Tragik für viele Amerikaner überaus traumatisierendes Ende gesetzt werden sollte, feierlich antrat. Der Wahlsieg Kennedys war der Beginn einer politischen Periode, in der die gesellschaftliche und nationale Einheit der USA ebenso wie die globale Sicherheit oft auf den Prüfstand gestellt wurde und nicht selten sogar zu zerbrechen drohte. In der Amtsperiode Kennedys, die sich über den Zeitraum von 1961 bis 1963 erstreckte, fielen sowohl innenpolitische als auch außenpolitische Entscheidungen historischen Ausmaßes. Nicht nur dass der Amtsantritt mitten in die wohl sensibelste Phase des Kalten Krieges fiel. Auch im Herzen Kontinentaleuropas, wo der wirtschaftstheoretische Dissens zwischen Marx und Smith bzw. deren Anhänger, über dessen Diskurs bis dahin nur ein akademischer Zirkel der geisteswissenschaftlichen Bildungselite   unterrichtet gewesen war, von seinem metaphysischen, theoretischen Aggregatzustand in eine für den ungebildeten, in seiner geistigen Auffassungsgabe limitierten Bauarbeiter gut erfassbare Form aus Stacheldraht und Zement transformiert wurde, spitzte sich die kritische Dynamik des Ost-West-Konfliktes mit dem Beginn des Baus der Berliner Mauer im August 1961 weiter zu. Ein Jahr darauf folgte dann die Kuba-Krise, die den Konflikt der Supermächte bis an den Rand eines möglichen Atomkrieges trieb. Ein weiterer der zahlreichen außenpolitischen Kriegsschauplätze, die die Außen- und Verteidigungspolitik des “Land of Liberty” forderten, lag an der östlichen Festlandküste Südostasiens. Zwischen Reisfeldern, Bambuszweigen und tropischen Wäldern kämpften Tausende und Abertausende junge US-Amerikaner gegen die kommunistische Bedrohung.

Um den polit-historischen Exkurs an dieser Stelle jedoch nicht ausufern zu lassen, möchte ich nun den Weg zurück zu den zentralen Worten Kennedys einschlagen. Denn was er mit diesem Satz wohl beabsichtigte war nichts anderes, als eine patriotisch motivierte Denkweise von seinem Volk zu fordern, nicht oder zumindest nicht alleine den Staat als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung zu betrachten sondern vielmehr sich selbst als ein Teil der Gemeinschaft zu fragen, wie man als Individuum seinen eigenen Beitrag zum Wohl der Gesellschaft leisten kann.

Möglicherweise unter anderen Vorzeichen als Kennedy seinerzeit, aber dennoch im Hinblick auf die Kernaussage, entsprechend, könnte man diese Worte des Präsidenten auch mit einiger Berechtigung an das deutsche Volk adressieren. Denn was ich in unserer demokratischen Gesellschaft beobachte ist eine Art irrationales Paradoxon, dessen Existenz überhaupt nur dadurch erklärbar gemacht werden kann wenn man dem einstigen Volk der Dichter und Denker unterstellt, jedweden Hauch von gesundem Menschenverstand verloren zu haben. Denn in einem Punkt sind wir Deutsche uns alle einig: Der Politik kann man nicht mehr trauen. Und nein – dieser Satz ist nicht ironisch gemeint. Die Erklärung für diesen Standpunkt zu liefern fällt bei genauerer Überlegung auch überhaupt nicht schwer. Warum denken wir denn, dass Politiker uns nur verarschen? Richtig, weil wir in leidvoller Erfahrung gelernt haben, dass die Versprechungen, die uns während der Wahlkämpfe gemacht werden, nach der Wahl häufig ihre Gültigkeit verlieren. Bedeutet im Umkehrschluss aber auch: die Unverbindlichkeit der Wahlprogramme, die uns als Wähler doch in aller erster Linie bei der Stimmvergabe beeinflussen, führt daher zu Unzufriedenheit mit den gewählten politischen Verantwortlichen und fördert Politikverdrossenheit. Das alles gipfelt dann in vielen Fällen in einer Art  selbstzufriedener Resignation, versinnbildlicht durch solche Stammtischweisheiten wie “Wir einfache Leute können doch sowieso nichts ändern”. Im Grunde ist das eine alarmierende Feststellung, die innerhalb unserer Gesellschaft zumindest im Kreise der Mittel- und Unterschicht zum allgemeinen Konsens geworden zu sein scheint. Ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen ist also der festen Überzeugung, dass Gegenwart sowie Zukunft unseres Landes mit allem was damit einhergeht schutzlos der Willkür einiger  weniger profitgieriger und vollkommen gewissenloser Raubtierkapitalisten ausgeliefert ist. Aber da man natürlich an dieser Tatsache nichts ändern kann, muss man auch nicht beunruhigt sein. Man hat also als Deutscher (folgt man diesem Konsens) mangels politischen Einflusses überhaupt keine eigene Verantwortung für die Entwicklung Deutschlands. Man hat aber natürlich als freier Bürger einer Demokratie das Recht Politiker zu kritisieren, die das wofür sie gewählt wurden, nicht umsetzen. Und um den Bogen zu Kennedy erneut zu schlagen: Was genau sind Wahlversprechen überhaupt? Wahlversprechen sind Versprechungen von Dingen, die der Staat für uns (das Volk) tut. Nun stellt sich die Frage: Was tun wir (das Volk) für den Staat? Viele sagen jetzt berechtigterweise: Wir zahlen doch Steuern. In gewisser Weise scheint das Argument auch eine Daseinsberechtigung zu haben. Doch schon einen Schritt weiter gedacht ist dieses Argument hinfällig weil man mit den Steuern, die man an den Staat abgibt eigentlich nur das unterstützt womit man unzufrieden ist. Und wenn man der Auffassung ist, dass die Politik der Gesellschaft schadet, wie kann man dann davon reden, dass man etwas für sein Land tut, indem man genau das, was man als Missstand empfindet durch finanzielle Transaktionen unterstützt?

Da es unserem Land allerdings noch mehr schaden würde, wenn alle Bürger plötzlich aufhörten Steuern zu zahlen, ist natürlich ebenfalls zu erwähnen, dass die Implikation der gerade erwähnten Ausführung keineswegs diejenige sein soll, dass es eine Lösung wäre von nun an doch lieber sein Geld für sich zu behalten anstatt es dem Finanzamt zu überlassen. Nein, vielmehr muss man aus dieser Herleitung schlussfolgern, dass es nicht ausreicht seinen Beitrag in der Gesellschaft als rein finanziellen zu verstehen. Aus dieser Überlegung ergibt sich ein ganz großes Problem, das so gut wie jede politisch-gesellschaftliche Diskussion durchdringt. Nämlich die Koppelung jeder gesellschaftlichen Problematik, die – sei sie auch noch so gerechtfertigt – debattiert wird, mit finanziellen oder wirtschaftlichen Aspekten. Dabei gerät vollkommen in Vergessenheit, dass Werte und gesellschaftliche Konventionen nicht vom Bankkonto stammen, sondern von einem im menschlichen Schädel befindlichen Organ, das – wie das erfolgreiche Bestehen von medialen Ausgeburten der intellektuellen Verwaisung wie RTL 2 belegt – weitaus seltener benutzt wird als das Girokonto. Das Gros der gesellschaftlichen Veränderungen kann man nicht mit Geld erkaufen. Das mag für einige ein Schock sein. Für unseren Stammtisch hingegen ist es allerdings sowohl Fluch als auch Segen. Fluch insofern, als dass diese Erkenntnis der lang etablierten Tradition der selbstgerechten Resignation, über die es sich bei einem kühlen Bier zu beklagen, Abende mit Gesprächsstoff füllte. Segen auf der anderen Seite deswegen, weil damit auch die Erkenntnis einhergeht, dass es eben doch möglich ist etwas für sein Land zu tun, die Gesellschaft mit der man unzufrieden ist zu verändern, obwohl man nicht zu den oberen 10.000 gehört. Denn erst wenn man begriffen hat dass es die unteren 79.990.000 sind, die die Gesellschaft formen, wird auch klar, warum man sich als ein Teil dieser Menge nicht mehr seiner gesellschaftlichen Verantwortung entziehen kann. Es gibt also Probleme in unserem Land, auf die unsere Regierung überhaupt keinen Einfluss haben kann, da es sich um Ideen und metaphysische Konzepte handelt, und eben nicht um Transferzahlungen oder subventionierte Staatsprojekte. Diese Probleme löst man nicht mit der Geldbörse sondern mit der Benutzung des eigenen Gehirns, des eigenen Verstandes. Ihnen, werter Leser, hoffe ich mit meinen Anregungen im Hinblick auf gesellschaftliche Missstände (bei denen es sich zumindest nach meiner Auffassung um eben solche handelt) eine Hilfestellung dafür zu geben, als einer von diesen 79.990.000, ihre Mündigkeit und damit auch ihre Macht als Individuum die Zukunft unseres Landes aktiv mit zu gestalten, zurück zu geben. Denn genau das ist UNSERE (das schließt Sie als Leser ebenso ein wie mich als sein Autor ein) Antwort auf die Frage was wir für unser Land tun können.

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