Die Borderline-Gesellschaft

2010: „Modediagnose: Borderline-Störung (BLS) oder Symptom unserer Gesellschaft?“ -Aachener Zeitung

2011: „Wahnsinnige Liebe – droht eine Borderline-Gesellschaft?“ – Hamburger Abendblatt

2014: „Unsere narzisstische Borderline-Gesellschaft“. – Abendzeitung München

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Wurde 2010 – möglicherweise auch in Ermangelung des rechten Verständnisses dieser Psychopathologie – noch darüber diskutiert, ob es sich dabei überhaupt um eine handfeste Störung, oder nicht doch vielmehr um eine neumodische Erfindung der Psychiatrie handele, so war spätestens seit dem Jahr 2014 auch in die Öffentlichkeit das Bewusstsein darüber eingekehrt, dass dieses Syndrom längst zu einem Teil unserer Gesellschaft geworden war. Deutlich wird dies unter anderem  daran, dass diese Thematik immer öfter auch zum Gegenstand theatralischer Aufarbeitungen wurde. Wie zum Beispiel auch (der oben verlinkte Artikel der Münchner Abendzeitung enthält dazu weiterführende Informationen) in Claus Peter Seiferts moderner Inszenierung des klassischen Phädra-Hippolytos-Stoffes (von Michael Wüst), in der der moralische Verfall ebenso wie die Auswüchse eines erbarmungslosen gesellschaftlichen Machtkampfes, ins Zentrum der szenischen Darstellung gestellt wurden.

Die Fakten lassen sich kaum von der Hand weisen. So gut wie alle seriösen Quellen, die man zu dieser Fragestellung zu Rate ziehen kann, berichten übereinstimmend eine zunehmende Prävalenz der Borderline-PS in unserer Gesellschaft. Um nur mal eine davon exemplarisch hervorzuheben, möchte ich die Einschätzung des Psychiaters und Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Prof. Dr. Arno Deister zitieren, wie sie in der – bereits im Jahr 2009 erschienenen – vierten Auflage des Psychiatrie-Lehrwerkes „Duale Reihe – Möller u.a., Psychiatrie und Psychotherapie“ zu finden ist. Darin lautet es nämlich wie folgt:


Borderline-Störungen nehmen in den letzten Jahren sowohl nach Häufigkeit als auch nach Schweregrad zu.

Die Geschlechtsverteilung ist unterschiedlich. Bei Männern werden häufiger dissoziale und zwanghafte Persönlichkeitsstörungen diagnostiziert, Borderline- Störungen sowie selbstunsichere und abhängige Persönlichkeitsstörungen sollen häufiger bei Frauen auftreten. (S. 357)


Eine ähnliche Beurteilung findet sich auch an anderen Stellen. Auf der Internetseite www.borderline-borderliner.de heißt es:


In Deutschland leiden ca. 2% der Bevölkerung am Borderline-Syndrom, das sind ca. 1,6 Millionen Menschen. Sieht man sich speziell junge Menschen an, so leiden bis zu 5% von ihnen unter der Krankheit.

In Kliniken, die psychische Störungen stationär behandeln, sind ca. 15% der Patienten Borderline-Patienten. Ambulante Therapien sind zu ca. 20% von an Borderline leidenden Menschen belegt.


Und weiterhin:


Der Ausblick in die Zukunft ist noch düsterer: Man geht davon aus, daß immer mehr Menschen, besonders Jugendliche, an einer Borderline-Erkrankung leiden werden. Offensichtlich bietet unsere Gesellschaft einen guten Nährboden für diese Erkrankung.


Man könnte die Liste kongruenter Bewertungen nun bis ins Unermessliche fortführen. Um diesen Artikel nun jedoch nicht in eine wissenschaftliche Fachdiskussion empirischer Erhebungen ausufern zu lassen, will ich an dieser Stelle darauf verzichten und stattdessen im weiteren Verlauf meiner Ausführungen von der Annahme ausgehen, dass die geschilderten Entwicklungen als erwiesene Fakten zu betrachten sind.

Diese werfen jedoch eine wesentliche Frage auf. Ausgehend von den Überlegungen, die im – zuletzt zitierten – Auszug aus borderline-borderliner.de angestellt werden, sind als mögliche Ursache für den Vormarsch der Persönlichkeitsstörung, gewisse gesellschaftliche Umstände in Betracht zu ziehen, womit sich ja der Bogen zum Begriff der „Borderline-Gesellschaft“ wieder spannen lässt. Die Frage, die sich daraus allerdings ergibt: Um welche Aspekte unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens handelt es sich dabei konkret?

Und als zweiter Aspekt, der gegebenenfalls einer Erörterung bedarf: Wieso sind von dieser Persönlichkeitsstörung Frauen stärker betroffen als Männer?

Nun könnten Sie, als nicht unmittelbar Betroffener, gewiss sagen: „Ist ja alles schön und gut. Aber was hat das alles mit mir zu tun?“

Doch die Antwort auf diese Frage ist schnell gefunden, wenn man wiederum seinen Blick auf die Zahlen – wohlgemerkt aus dem Jahre 2009 ! – richtet, die in der Fachliteratur beschrieben werden:


Man kann davon ausgehen, dass 15 – 20 % der gesamten Behandlungskosten für psychische Störungen durch Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung verursacht werden.

[Thieme] Duale Reihe – Möller u.a., Psychiatrie und Psychotherapie (4. Aufl. 2009), S.364


Diese Erkrankung ist also nicht nur für die Betroffenen und deren Angehörige ein Problem, sondern darüber hinaus auch ein relevanter Kostenfaktor für die Allgemeinheit, der gerade auf der Basis der Annahme, dass diese Pathologie sich auch in Zukunft immer weiter verbreiten wird, Besorgnis erregende Ausmaße anzunehmen im Stande sein könnte. Und es ist dabei noch zu berücksichtigen, dass hier nur von den Kosten die Rede ist, die sich aus der unmittelbaren, psychiatrischen Therapie ergeben. Die finanziellen Belastungen, die durch die Folgen der Borderline-assoziierten Verhaltensmuster (u.a. ungeschützter Sexualverkehr bzw. riskante Sexualkontakte, Drogenkonsum, mangelnde Fähigkeit den eigenen – z.B. beruflichen – Pflichten nachzukommen → Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt) für die Allgemeinheit entstehen, finden hier noch überhaupt keine Berücksichtigung.

Will man die Talfahrt des Sozial- und Gesundheitssystems in Richtung ihres Zusammenbruchs aufhalten, so ist – offenkundig – eine gründliche Ursachenforschung notwendig.

Eine Annäherung an eine eben solche wagte auch Alexander Schuller im Jahre 2011 in seinem Artikel „Wahnsinnige Liebe – droht eine Borderline-Gesellschaft?“, den ich eingangs bereits erwähnt hatte. Darin kommt er zu folgendem Schluss:


Als eine der Hauptursachen für diese Form von Erkrankungen werden „frühkindliche Bindungsstörungen“ angesehen. Das Borderline-Syndrom wird zumeist durch Verlustängste, vielfach aber auch durch sexuellen Missbrauch oder körperliche Misshandlung ausgelöst. Etwa drei Viertel aller Betroffenen sind Frauen. Die Mehrzahl wächst ohne Vater auf, die Familien nehmen sich zu wenig Zeit für die Kinder, die sich zwangsläufig abgeschoben und wertlos vorkommen müssen und jahrelang darunter leiden.


Und in der Tat lassen sich auch diese Zusammenhänge mit empirischer Evidenz unterfüttern.

Diese Fakten nun, unter der Maßgabe dabei gesellschaftsfähig bleiben zu wollen, in eine politisch-gesellschaftliche Erkenntnis zu überführen, ist im Grunde unmöglich. Denn im Kern sind sie nichts anderes als die Feststellung, dass alles das, was uns als Gebot der political correctness – wie beispielsweise Toleranz gegenüber alleinerziehenden Müttern, Gleichberechtigung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt – eingetrichtert wurde, der Virus ist, unter dem unsere Gesellschaft am meisten leidet. Und, wie ich bereits dargelegt habe, ist alles das schon seit über 10 Jahren bekannt. Und den Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen, welche durch den Vormarsch des feministischen Irrsinns, ebenso wie das Aufweichen des traditionellen Rollenverständnisses von Mann und Frau, oder die Liberalisierung der Sexualmoral, geprägt sind, zu erkennen, ist im Grunde trivial. Und das war es auch schon vor 8 Jahren. Man sollte doch annehmen, dass eine Gesellschaft, die sich selbst als aufgeklärt und vernunftbegabt betrachtet, auf der Basis ihres Verständnisses dieser Zusammenhänge, den Wunsch entwickeln müsste, den sozio-kulturelle Wandel, den man als Katalysator für jene unbehaglichen Tendenzen ausgemacht hat, aufzuhalten. Das exakte Gegenteil ist jedoch der Fall. Noch immer lassen wir selbst die irrwitzigsten Weltanschauungen feministischer „Gutmenschen“ gewähren. Noch immer gilt man als rückschrittlich und verbohrt, wenn man die Nihilisierung der klassischen Gesellschaftsmoral kritisiert. Und unterdessen ist zu beobachten, wie sich pseudo-intellektuelle Weltverbesserer öffentlichkeitswirksam, aller rationalen und empirischen Evidenz zum Trotze, ob ihres Engagements im Sinne einer weiteren Intensivierung all jener gesellschaftlichen Ausprägungen, die dem Niedergang unserer Kultur am wirksamsten Vorschub leisten, zelebrieren lassen dürfen.

Und an diesem Punkt ist die Grenze meines Verständnishorizontes überschritten. Und mir bleibt in diesem Sinne wohl nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen, dass mir irgendjemand, der dieses Paradoxon aufzulösen im Stande ist, nachvollziehbar erklären kann, weshalb wir noch immer so unbekümmert in dem Zug sitzen, der mit Vollspeed auf den Abgrund zusteuert. Ich kann es nämlich nicht.

 

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Ein Gedanke zu „Die Borderline-Gesellschaft

  1. Wirklich schön ver- und zusammengefasst! 🙂 Ich frage mich auch wann sich das, was meinen Wissenshorizont übersteigt in Angriff genommen wird, Heut zu Tage läuft so unfassbar viel Falsch, man sollte in erste Linie diesen Kapitalismus und Profit Geist aus allem raus nehmen, dann würden die Leute sich vielleicht auch mal wieder mehr Zeit nehmen, man müsste nur mal wieder den Wert verlagern, den in Deutschland ist der mittlerweile nicht anders als wie in Amerika.

    Ich frage mich auch wann dieser Zug ohne wiederkehr mal erkannt wird. vielleicht Ja irgendwann wenn auch mal erkannt wird, das Menschen völlig gleich ob sie jetzt eine 6 oder eine 1 in Mathe haben, zu gewissen dingen Fähig sind und auch so Fähig sind dinge zu lernen, man müsste vielen Menschen mal diese Bunte Welt einfach weg nehmen…. die Welt braucht einfach noch viel mehr kaputt menschen die rum schreien, darüber wie Scheisse alles ist. Auf das Wir bald Emos im Bundestag sitzen haben, oder sowas, auf das man endlich aufhört alles zu Seperatieren und aufzuteilen, das hat schon mit den Schwarzen nicht geklappt, und auch nicht mit den Juden oder den Indianern. Zu vielen geh es einfach immer noch viel zu gut, und dabei geht es der Mehrheit ja doch schon so lange Scheisse, so jetzt noch mal den Zug erwähnen und ich bin Fertig. 🙂

    Wenn sich nur mal im Bundestag nen paar Politiker mal so auslassen würden, Deutschland müsste viel Transparenter sein, viel offener viel idioten sicherer und sollte viel mehr zum Nachdenken und nicht Fußball gucken anregen, oder Schreber Garten anmieten. haha….

    Jeder voll Spasst kriegt nen Kind, weil er mehr wie Fußball auch noch nicht erlebt hat, ohne zu Wissen was das alles heißt, heut zu Tage, wir sollten richtig große Informations Terminals haben und wo gibt es die…. nur beim Arbeitsamt, sind wir das Dritte reich wirklich schon los geworden, sind wir Sozial wollen wir in Deutschland wirklich noch das man noch Leben kann. Oder wird es nicht so wie in Amerika, und in Russland Korrupt und Unfair zugleich. Keine Ahnung. Es müssten echt mal Penner an die macht, die gar kein interesse an der Macht an sich haben. Sowas müsste mal passieren, Man sollte endlich aufhören damit, das man in jede Führungsposition regelrecht reingeboren gedrillt und gezogen wird, anders geht es gar nicht. Während sich die normal bevölkerung bei DSDS Anmeldet. Haha xD Ist Cool.

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