Es lebe die Ratio!

„Scheiße. Wieso bin ich so instabil.“
„Weil du genau das gerade denkst. Das was dich belastet ist nicht direkt der Schulstoff. Auch der damit einhergehende Stress ist noch nicht der ausschlaggebende Faktor. Sondern deine Angst dem Stress nicht gewachsen zu sein.“
„Hm. Gut möglich.“
„Und diese Angst hält sich selbst dadurch immer wieder am Leben, indem sie zu Misserfolgen führt, die deine Befürchtung unter dem Stress zusammenzubrechen verstärken. So. Und genau da musst du den circulus vitiosus durchbrechen.“
„Das ist aber schwer.“
„Und das schaffst du nur, indem du eine Fähigkeit benutzt, von der ich weiß dass du über sie verfügst, nämlich deine Emotionen zugunsten der rationalen Wahrnehmung der Realität unter Kontrolle zu behalten. So. Also. Hör endlich mit dem Kotzen auf! Und analysiere deine Situation unter Verwendung der Kapazitäten deines Frontallappens! Und vor allem konzentriere dich auf deine eigenen Aufgaben. Und blocke jedes Gefühl, von dem du befürchtest es könnte wieder in Ängste oder emotionalen Kontrollverlust übergehen, einfach ab. Und das ist alles andere als einfach. Vor allem auch deswegen, weil du natürlicherweise mit der Angst lebst, dass du mich durch deine Entscheidung verlieren könntest. Wenn ich dein Psychiater wäre, würde ich dir jetzt raten, den Typen zu vergessen. Also komplett aus dem Leben zu streichen um dich von dieser Angst zu lösen.“
„Du würdest mir also empfehlen, dich zu vergessen?“
„Ja, das sowieso. Aber auch komplett blocken. Ja, ist doch toll auf welche genialen Lösungsansätze man kommt, wenn man seinen rational-analytischen Verstand bemüht!“
„Ja. Stimmt.“
„Es lebe die ratio!“
„Stimmt.“
„Ja. Ok.“
„Will dennoch nicht leben.“
„Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du als Spermium die Eizelle befruchtet hast. Denk doch mal an diese Zeit zurück. Wie zielstrebig du als Samenzelle, den ungebändigten Traum, die Pforte zum Glück des Lebens als der Eine von Millionen zu durchschreiten, unter Aufbringung all deiner Energiereserven, den beinahe für unbezwingbar geglaubten Weg bis hin zum Ovar, durchkämpftest. Oder einen Schritt weiter: Gehe mit deinen Gedanken zurück zu den Anfängen der Erdgeschichte, in die Zeit des Hadaikum.“
„Ich entscheide mich dafür, die Eizelle zu sein. Die dazu gezwungen wurde.“
„Haha! Du warst also eine Eizelle, die an jedem Tag, den sie die Reise durch den Eileiter bestritt, auf deren Weg sie dem bevorstehenden Ansturm befruchtungswilliger Samenzellen immer näher kam, betete, nicht diejenige sein zu müssen, die das Los trifft, der kalten Erbarmungslosigkeit des Lebens jemals ins Auge blicken zu müssen?“
„Ja. Du hast es erfasst.“
„Tja. Da standest du natürlich auf verlorenem Posten. Denn wie wir ja aus der fleißigen Lektüre jener Schriften der interracial breeding Bewegung lernen durften, ist black sperm dem Korrelat der weißen Rasse, weit überlegen.“
„Wtf?!“
„Ja, das behaupten die. Aber ist es nicht erschreckend, wie bereits in den aller ursprünglichsten Zügen deiner Entstehung, die metaphorische Vorankündigung für den Ansturm männlicher Individuen afrikanischer Herkunft auf die europäische Hilflosigkeit, ihren Niederschlag fand? Und gleichermaßen ist das, was sich daraus entwickelte, nämlich deine materielle, deine biologische Gegenwart als Lebewesen, auch der versinnbildlichte Ausblick, den wir auf die Zukunft unserer Gesellschaft haben. Ob das Ergebnis dieses Ansturms das Scheitern der daraus hervorgegangenen Gesellschaft ist.“
„Möglich.“
„Dein Leben ist der Hoffnungsschimmer eines ganzen Kulturkreises.“
„Nein.“
„Doch. Meine Hoffnung hängt an deinem Schicksal.“

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Der Freiheitskämpfer

Der geneigte Leser wünscht sich ja gerne in den Werken, deren Inhalt er mit seiner begrenzten Auffassungsgabe zu erschließen versucht, immer öfter auch dass die literarischen Ergüsse des Autoren seiner Wahl eine gewisse Bindung zur Realität aufweisen. Um den Ansprüchen meiner Kundschaft und damit natürlich  all jener, die ihr sauer verdientes Geld investieren um mir meinen Luxusurlaub in Dubai im Kreise auserwählter, internationaler Edelnutten zu verbringen, gerecht werden zu können, sehe ich es als ein Gebot der Höflichkeit und des Respekts an, selbst (der ich mich als Anwalt der Menschlichkeit betrachte) ein Opfer zu erbringen um der versammelten Leserschaft meine Hingabe zu demonstrieren. Ich bin fest dazu entschlossen dem Beispiel des legendären Künstlers Vincent van Gogh, der dem gemeinen Kunstbanausen vielleicht entfernt ein Begriff sein mag und von dem diejenigen Leser, die ein Minimum an nennenswerter Schulbildung besitzen hoffentlich wenigstens wissen, dass er der Typ war, der sich ein Ohr abtrennte, zu folgen. Genauer gesagt war es ja so, dass Van Gogh einen etwas unorthodoxen Frauengeschmack hatte. Oder anders ausgedrückt: Er stand darauf verseuchte Straßenhuren zu vögeln. Und so gehört zur Vollständigkeit der Vita van Goghs auch die Tatsache dass er sich sein Ohr nicht etwa aus egoistischer Motivation heraus amputierte (so wie man es normalerweise erwarten würde). Nein, er war so selbstlos dieses abgetrennte und in der Folge dem biologischen Zerfall geweihte Körperteil einer Prostituierten zu vermachen. Nun wäre es für alle Nachahmer wie mich selbst oder Niki Lauda dieser Geste vermutlich dankbarer gewesen, hätte Vincent ein etwas entbehrlicheres Körperteil ausgewählt um es zu verschenken. Die Vorhaut, ein Weisheitszahn oder die Appendix vermiformis. Aber nein, eigensinnig wie er war musste es das Ohr sein.

Um nun jedoch zum Punkt zu kommen. Ich habe es ja bereits angesprochen, dass ich dem Vorbild des Mannes, der zu Lebzeiten auch als „Christ of the coalmines“ also in etwa übersetzt Messias der „Knappen“ (auch wenn dieser Terminus in den westlichen Armutsgebieten der Bundesrepublik Deutschland schon von Rudi Assauer in Anspruch genommen wird), Folge leisten will. Und aus diesem Anspruch heraus erwuchs auch mein Vorhaben auch mein Ohr zu opfern um es im Rahmen einer christlichen Geste der Nächstenliebe einer geistesgestörten Hure zukommen zu lassen. Nun gibt es derer ja unzählige, sodass ich beschloss ein weiteres Kriterium als Eigenschaft, die die glückliche Adressatin meiner Gutmütigkeit aufweisen sollte, vorauszusetzen. Ich wollte ja auch dass meine Tat verstanden wird. Also war es nur recht und billig eine Adressatin zu finden, von der ich annehmen konnte dass sie nicht nur gestört sondern darüber hinaus auch hochintelligent ist. Denn es liegt ja auf der Hand: nur ein extrem intellektuell begabtes Wesen würde mein Präsent auch gebührend wertzuschätzen wissen. Ich brauchte also aus dem gigantischen Pool der ganzen wahnsinnigen Nutten nur irgendeine herausfischen, die gemeinhin als hochbegabt eingestuft wird. Das klingt einfacher als es tatsächlich ist. Denn völlig unerwarteterweise verflüchtigte sich die anfangs schier unendliche Menge der geeigneten Empfängerinnen meiner charmanten Mitgift ganz plötzlich und zu meiner größten Überraschung auf eine verschwindend geringe Population.

Wo waren sie denn plötzlich die Bestseller schreibenden Bordsteinschwalben, die unser Land doch immer zu dem machten was es ist. Wo waren sie, die Dichter- und Denkerinnen im ultraknappen Miniröckchen, die ihren Verehrern in literarisch ästhetischer Prosaik den Abend versüßten. Es schien aussichtslos. Und vermutlich hätte ich die Hoffnung vollends verloren, hätte es der Zufall nicht so gewollt, dass mir eines Tages im Lichte der aufgehenden Sonne an einem dieser mit Erwartungen auf die großen Abenteuer, die er mit sich bringt, beseelten, typisch deutschen Sonntagmorgende die Süddeutsche in die Hände fällt. Gebannt fiel mein Blick sofort auf eine mitreißende Geschichte. Es handelte sich darin um die Lebensgeschichte einer jungen Frau, die als Kind über Jahre hinweg von einem ihrer Nachbarn sexuell missbraucht wurde um dann folgerichtig mit 21 Jahren in einem Bordell als Hure anzufangen, um dann wiederum nach reiflicher Überlegung über die Absicherung des Lebensabends in einer Gesellschaft, deren Zukunft durch den demographischen Wandel der Altersgruppen so unsicher ist wie die Antibabypille bei einer geistig eingeschränkten und alkoholabhängigen Teenieschlampe, den Beschluss zu fassen dem Sexgewerbe den Rücken zu kehren um das umfassende intellektuelle Potenzial das in ihr schlummerte endlich auszuschöpfen.

Ich rieb mir die Augen vor schierer Ungläubigkeit. Als ich nach etwa 27 Minuten wieder mein Augenlicht zurück erlangte und zunächst einmal feststellen musste, dass ich durch die mechanische Manipulation meines Augapfels einen Teil meiner Netzhaut zerstört hatte, wagte ich einen erneuten Versuch das unmöglich geglaubte auf seine wahrhaftige Existenz zu prüfen. Meine von der Gewalt der Natur geschädigten Augen schwenkten ihren Blick einmal mehr über dieses Meisterwerk journalistischer Schaffenskraft. Und tatsächlich! In großen Lettern prangte dort:

„Ein hochintelligentes, sprachbegabtes, körperlich und seelisch schwer geschädigtes Mädchen hat ein Buch über ein ebensolches Mädchen geschrieben. Es heißt Splitterfasernackt. Und es ist erschütternd.“

Ich hatte es also doch geschafft. Das was ich schon fast aufgegeben hatte. Es war plötzlich so nah. Von meinen Glücksgefühlen noch vollkommen überwältigt, taumelte ich durch das Zimmer, stolperte dabei über das Kabel der Beistellampe die ich mir am Tag zuvor gekauft hatte, wodurch die gesamte Steckerleiste aus dem Gemäuer herauskatapultiert wurde.

Ich hatte nicht geahnt dass eine einfache Zeitungsrecherche so viele Opfer mit sich bringen würde. Jedoch zweifelte ich zu keinem Zeitpunkt daran dass ich für die gesundheitlichen Schäden, die mir in diesem Prozess der gesellschaftlichen Horizonterweiterung durch höhere Gewalten zugefügt worden waren ebenso wie der entstandene Sachschaden, der sich mittlerweile auf knappe 5.000€ belief, durch das weit größere Geschenk – nämlich als freier Bürger die objektive, von politischen und wirtschaftlichen Interessen unabhängige und immer glaubwürdige Arbeit gewissenhafter Journalisten genießen zu dürfen – als unwesentliche Kollateralerscheinung weit mehr als entschädigt wurde. Viele Menschen gaben ihr Leben für das Recht auf freie Meinungsäußerung. Ich konnte mich also noch glücklich schätzen, nur einen erheblichen Teil meines Sehvermögens, eine 300€ Lampe und die Stromversorgung, verloren zu haben.

Die Abenddämmerung hatte sich inzwischen über den Dächern der Stadt erhoben. Als ich aus dem Fenster gen Horizont, in dessen Angesicht die funkelnden Sterne wie liebliche Engel, die uns behutsam in die Stille der Nacht begleiten, zu blicken versuchte versperrte mir die Straßenbahn die Sicht. Ich wurde allerdings mindestens gleichwertig entschädigt, und zwar mit einem Werbeaufdruck von Dunkin‘ Donuts der schillernd auf dem verdreckten Wagon über den gesundheitsschädlichen Elektrosmog der Innenstadt erhaben, empor strahlte.

Ich dachte mir: „Scheiß auf Lilly Lindner, was denkt sich diese gestörte Nutte überhaupt von mir verlangen zu können mir mein Ohr wegzuschneiden?!“ und begab mich gequält von der Anstrengung und den Schmerzen die mir der Kampf um mein Recht auf frei zugängliche Information durch die Printmedien abgerungen hatte, stolz und glücklich in dem Wissen die Demokratischen Grundprinzipien, auf deren Basis unsere Gesellschaft beruht, gegenüber den Bemühungen der islamischen Extremisten unsere gut funktionierende Demokratie in einen Gottesstaat umzuwandeln verteidigt zu haben, zu Bett. Und ich denke: Derartiges erreicht zu haben kann ein Vincent van Gogh wohl kaum von sich behaupten.