Erfahrungsbericht Medizin – Das unterschätzte Dilemma

Ich hatte mit diesem Thema eigentlich längst schon abgeschlossen. Doch als ich – wie eigentlich jeden Morgen – die News der deutschen Presselandschaft auf meinem iPhone überflog, stockte mein Blick plötzlich.

Welche Meldung hatte so unerwartet mein Interesse auf sich gezogen?

Nein. Es war kein Terroranschlag, bei dem dutzende Menschen ihr Leben verloren. Denn so traurig und entmutigend es auch klingen mag – seien wir mal ehrlich: Derartige Meldungen nehmen wir doch schon längst nicht mehr als Ereignisse von Bedeutung wahr. Es war auch keine der, in trostloser Regelmäßigkeit zu belächelnden Entgleisungen des US-Amerikanischen Präsidenten. Hätte man einige, dieser inzwischen vertraut gewordenen Absurditäten aus dem Munde eines Repräsentanten einer solch erhabenen und einflussreichen Nation noch vor einigen Jahrzehnten zu Ohren bekommen, so hätte man sich vermutlich unverzüglich in Richtung des nächstgelegenen Atomschutzbunker begeben. Doch im Jahre 2017 ist auch dieses Glücksspiel um die globale Sicherheit – ausgetragen zwischen unzurechnungsfähigen Psychopathen, skrupellosen Mördern und perversen Gewaltverbrechern – nichts mehr weiter als eine Randnotiz.

Es war kein Terroranschlag, keine globale Sicherheitskrise und auch keine Vergewaltigung mit Todesfolge durch arabische Flüchtlinge.

Es war dieses Urteil des Bundesverfassungsgericht, in dem festgestellt wurde, dass die Vergabe von Studienplätzen medizinischer Fakultäten, nach der Abiturnote als alleinigem Auswahlkriterium (Numerus Clausus), wie sie seit inzwischen – man möchte fast sagen – Jahrhunderten erfolgte, ein in Teilen (so heißt es) verfassungswidriges Verfahren darstellt.

In der Pressemitteilung begründet der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts seine Entscheidung unter anderem damit, dass sich nach seiner Auffassung eine „gerechte“ Studienplatzvergabe – gemäß der höchstrichterlichen Auslegung des Grundgesetzes – an den Fähigkeiten, die im Studium und anschließend in der Ausübung des Berufes, zu orientieren habe. Heißt im Kern so viel wie: „Gerecht ist wenn derjenige, der für den Beruf am besten geeignet ist auch die Chance bekommen soll, diesen Beruf auszuüben zu können.“

Und selbstverständlich ist es vollkommen irrsinnig die Eignung eines Menschen für den Beruf des Mediziners ausschließlich am Notendurchschnitt seines Abiturzeugnisses zu messen. Und natürlich ist das auch nicht erst mit dem Urteil des Bundesverfassungsgericht schwachsinnig geworden. Man muss seinen gesunden Menschenverstand nicht einmal allzu intensiv bemühen um zur Erkenntnis zu gelangen, dass alleine schon der Gedanke, dass man auf der Basis eines Notendurchschnitts, in dessen Berechnung Schulleistungen aus Fächern wie Sport, Musik, Kunst, Geschichte, Sozialkunde, Französisch, Spanisch, Religion/Ethik oder auch Deutsch einfließen, eine Einschätzung darüber erlauben könnte, ob ein Studienplatzbewerber sich für einen Beruf eignet, dessen Hauptaufgabengebiet darin besteht Brustkörbe abzuhören, Bauchdecken zu beklopfen und Unterschriften unter Rezepte für Diabetes-Medikamente zu kritzeln, himmelschreiend einfältig ist.

Doch nach exakt diesem Auswahlverfahren, dessen Idiotie sich jedem Menschen, der über ein Mindestmaß an Denkvermögen verfügt, mühelos erschließt, werden seit Jahrhunderten die Bewerber für dasjenige Berufsfeld auserwählt, in dem die Eignung seiner Vertreter jeden Tag über Leben und Tod entscheidet.

Nun könnte man der angenehmen Versuchung erliegen, auf der Basis dieses Urteils des Bundesverfassungsgerichtes in einem Meer der Beruhigung zu baden. Beruhigung darüber, dass unser Rechtsstaat eine verlässliche Konstante darstellt, die im Zweifelsfall stets dazu in der Lage zu sein scheint, Rechtsbrüchen des Gesetzgebers gegenüber seinen Bürgern, gewissenhaft und unerschütterlich entgegen zu treten. Lässt man sich von diesem trügerischen Schein der vermeintlichen Geborgenheit des demokratischen Rechtsstaates, den zu hinterfragen und dessen Methoden unentwegt in Zweifel zu ziehen es nicht zu bedürfen scheint, aber verführen, so läuft man Gefahr seiner kritischen Mündigkeit – ohne es zu bemerken – enteignet zu werden.

Denn, auch wenn die Entscheidung des Gerichtes unzweifelhaft vernünftig ist – Liegt es nicht dennoch nahe sich die Frage zu stellen wie es möglich sein kann, dass eine Vorgehensweise mit derartiger Tragweite, deren fataler Konsequenzen sich kein Einziger von uns entziehen kann, von unserem Gesetzgeber so lange unberührt blieb, bis ein Gericht dagegen urteilen musste? Und muss man nicht auch mit Erschrecken feststellen, dass unser Gesetzgeber es sträflich versäumt zu haben scheint, ein Verfahren, dessen Irrsinn sich uns schon nach den ersten Gedankenzügen eröffnet, in eine, mit dem gesunden Menschenverstand vereinbare Form zu überführen?

Warum beschäftige ich mich so intensiv mit diesem Thema?

Ich finde, dass die Problematik rund um das Gerichtsurteil bzgl. des Numerus Clausus bei der Vergabe von Studienplätzen in der Humanmedizin zwar auf jeden Fall ein wichtiges Thema ist, über das es auch vollkommen legitim ist, öffentlich zu diskutieren. Es ist meiner Meinung nach allerdings nur die, durch dieses Urteil der breiten Öffentlichkeit sichtbar gewordene, Spitze eines Eisbergs zahlreicher grundlegender Missstände oder zumindest offener Fragen, die in der medizinischen Ausbildung sowie vor Allem auch in der alltäglichen, klinischen Ausübung (von der früher oder später wohl jeder von uns einmal abhängig sein wird) vorherrschen bzw. unter Einbeziehung der Öffentlichkeit zu diskutieren sind.

Um vielleicht einmal einen kleinen Einblick in die Tiefe der ganzen Problematik, die ich im Zusammenhang mit der Medizinischen Ausbilung/Ausübung sehe, zu geben, schildere ich an dieser Stelle einmal einige Erfahrungen, die ich persönlich im Zusammenhang mit der Universitätsmedizin bzw. der Medizin im Allgemeinen, gemacht habe.

Nach einem Abitur mit 1,3 und 10 Semestern Medizinstudium, bestandenem ersten Staatsexamen und einer fast fertigen Doktorarbeit habe ich nämlich auch die Reißleine gezogen, weil sich für mich immer klarer herauskristallisierte wie wenig ich als Mediziner wirklich bewirken kann. Mir ging es von Beginn meines Studiums der Humanmedizin an eigentlich immer nur darum, nach meiner Facharztausbildung zum FA für Psychiatrie derjenige zu sein, der den Menschen wirklich hilft. Nach 5 Jahren Medizinstudium war dann allerdings auch die letzte Blase meines Traumes zerplatzt und ich begrub meine Vision von einer Psychiatrie, die ihre Patienten wirklich heilt und nicht einfach nur auf der Basis pauschaler Diagnosen mit irgendwelchen Medikamenten vollstopft um mit möglichst geringem Aufwand möglichst viele Betten für die nächste „Lieferung“ frei zu schaufeln, unter einem Berg der Enttäuschung über die entmutigende Realität, die in den Psychiatrischen Kliniken vorherrscht und es den Psychiaterinnen und Psychiatern im Grunde vollkommen unmöglich macht, sich den Menschen, die bei uns/ihnen Hilfe suchen und uns/ihnen in diesem Rahmen Gesundheit und Leben anvertrauen, auch nur im Entferntesten intensiv genug widmen zu können, um auf ihre Probleme und v.A. auch ihre individuelle Persönlichkeit so gründlich und gewissenhaft einzugehen, dass sich eine stabile Vertrauensbasis als Grundlage einer erfolgreichen Therapie überhaupt erst entwickeln kann.

Nach den Erfahrungen, die ich jedoch im Laufe meiner Ausbildung aus dem klinischen Alltag gesammelt habe, ist in mir die unzweifelhafte Überzeugung herangereift, dass ich unter den Bedingungen, die in der klinischen Arbeit vorherrschen, eine erfolgreiche Therapie und in vielen Fällen sogar bereits die korrekte und gewissenhafte Diagnostik, zu der ich mich allerdings jedem einzelnen Patienten gegenüber stets verpflichtet fühlte, jedenfalls mit den Fähigkeiten, über die ich verfüge, nicht in dem Maße gewährleisten hätte können, wie es den Patienten nach meiner Überzeugung zugestanden hätte.

Und da meine einzige Motivation für dieses Studium der Wille war, Menschen zu helfen, sah ich nach 10 Semestern und einem eigentlich bis dahin eigentlich sogar relativ problemlos verlaufenen Medizinstudium, keinen Anlass mehr, meine Ausbildung zum Mediziner fortzusetzen.

„Ich fick deinen Gott“ – Der atheistische Terror

Der Konflikt der Konfessionen – seit (inzwischen) Jahren beherrscht dieses Thema immer wieder die Öffentlichkeit. Der theologische Dissens zwischen, in der Mitte unserer Gesellschaft sesshaft gewordenen, Anhängern des Islam und jenen, die sich dem christlichen Glauben zugehörig fühlen, befindet sich sowohl in der öffentlichen Debatte als auch in der alltäglichen Lebensrealität vieler Kulturhochburgen, am Siedepunkt. Und in der Tat lassen sich durchaus Aspekte ausfindig machen, über die islamische Gelehrte Standpunkte vertreten, die mit der christlichen Exegese inhaltlich in Widerspruch stehen. Befasst man sich mit diesem theologischen Diskurs zwischen islamischen und christlichen Gelehrten einmal tiefschürfender, so wird man zum Schluss kommen, dass es derer sogar zahlreiche gibt. Bis hierhin erzähle ich Ihnen vermutlich nichts Neues. Und vor dem Hintergrund dieses allgemein bekannten Wissens führen wir uns an dieser Stelle einfach mal ein YouTube-Video zu Gemüte, welches den Titel „Ich fick deinen Gott“ trägt, und auf einen WDR Beitrag aus dem Jahr 2012 zurück geht.

Ohne nun im Detail auf die Urheber des Beitrages eingehen wollen, möchte ich, um der zeitlichen sowie kognitiven Begrenztheit, welche Ihnen – werter Leser – als bedeutungsloses Zahnrädchen im übermächtigen Uhrwerk unseres Gesellschaftssystems zur Verfügung steht, entgegenzukommen, den wesentlichen Inhalt, der im Weiteren den Kern meiner Überlegungen darstellen wird, zusammenfassen.

Wir wurden nämlich Zeuge eines Berichtes, in dem es augenscheinlich zunächst einmal um Sachbeschädigungen geht, deren Urheber – dies ist zumindest den Aussagen der zu Wort kommenden Personen zu entnehmen – eine Gruppe ausländischer Jugendlicher gewesen zu sein scheint.

Diese Annahme wird untermauert durch das Statement des zuständigen Geistlichen der „katholischen Kirche Duisburg-Meiderich“, welcher von „einer Gruppe ausländischer Jugendlicher“ berichtet, die er beim Ballspiel – unter Einbeziehung der kirchlichen Infrastruktur – „freundlich“ gebeten habe, eben dieses zu unterlassen. Will man dem guten Mann – trotz der Tatsache, dass sein Erscheinungsbild diese Annahme durchaus zulassen würde – jetzt einmal nicht unterstellen, dass die von ihm dargelegte „freundliche Bitte“ in ihrem Wesensgehalt dem – inzwischen zu allgemeiner Bekanntheit gelangten – katholischen Prinzip klerikaler Nächstenliebe gegenüber Jugendlichen (was nichts anderes bezeichnet als jenen Tatbestand, den das Deutsche Strafrecht unter der Bezeichnung „Sexueller Missbrauch von Jugendlichen“ führt) folgte, so ist diesem Repräsentanten des Vatikans kaum vorzuwerfen, mit seinen Worten eine Eskalation provoziert zu haben. Umso kritischer ist die berichtete Reaktion der Jugendlichen zu betrachten, die der Kleriker unter anderem mit den Worten „Ich fick deinen Gott“ zitiert.

Man könnte nun natürlich – nähme man es ganz genau – auch fragen, welcher tiefere Sinn sich in der Formulierung finden lässt, in deren Rahmen der geschätzte Herr Rose davon spricht, dass die besagte Gruppe ausländischer Jugendlicher „gegen die Kirche Ball gespielt“ habe. Beinahe weckt eine solche Wortwahl ja die Vorstellung von einer Art Benefiz-Spiel unter dem Motto „Kicken gegen die Kirche!“. Wenn man so darüber nachdenkt eine durchaus vielversprechende Anregung, für deren Umsetzung sich mit großer Wahrscheinlichkeit zahlreiche Teilnehmer begeistern lassen könnten.

Um nun allerdings einen gewissen Respekt gegenüber der frommen Kirchengemeinde bzw. deren Vertretern zu wahren, unterlasse ich es diesen Gedankengang fortzuführen und kehre den Fokus meiner Aufmerksamkeit lieber wieder dem theologisch-intellektuellen Diskurs, den zu führen ich ja eingangs angekündigt hatte, zu.

Dieser thematisiert die Differenzen, welche im Vergleich von christlicher und islamischer Glaubensauffassung, die Basis für divergierende Standpunkte in der Beurteilung religiöser Gegebenheiten, bilden. Um nur einige zu nennen: Entsprechend der Trinitätslehre wie sie im Christentum gelehrt wird, ist Jesus Christus der Sohn Gottes. Vereinfachend . Diesen Standpunkt wiederum lehnen Muslime ab, da sie Jesus Christus zwar als Propheten betrachten, es jedoch im Islam als „Schirk“ bezeichnet wird und damit als verboten (ḥarām) gilt, Gott einen Sohn beizugesellen (dies ist übrigens auch der Grund dafür, warum Sie gläubige Muslime nicht zu Heiligabend einzuladen brauchen). Mitnichten ist es jedoch der Fall, dass Jesus in den Augen gläubiger – und vor allem über ihre Religion informierter – Muslime, keine prophetische Bedeutung zukäme. Wie dem auch sei. Neben diesem Beispiel gibt es natürlich auch noch weitere. Diese betreffen die Ehe, das Zölibat (welches der Islam nicht kennt), sowie andere Punkte, deren Aufzählung aber nun den Rahmen sprengen würde.

Wie bereits gesagt: Es gibt eine ganze Liste von Auffassungen, in denen Christen und Muslime sich unterscheiden. Der – allerdings – essentiellste Aspekt – nämlich die Anerkennung des einen und einzigen, allmächtigen, allwissenden Gottes, der uns alle ebenso wie die Welt in der wir leben, erschaffen hat – gehört nicht dazu. Er gehört nicht nur nicht zu den Unterschieden, die diese Konfessionen voneinander abgrenzen, sondern dürfte sogar DIE grundlegende Gemeinsamkeit dieser beiden monotheistischen Religionen sein.

Würde also ein Muslim die Aussage tätigen „Ich fick deinen Gott“, so müsste er sich zunächst darüber versichert haben, was genau diesen Gott, an den er dem Adressaten seiner unflätigen Bemerkung, zu glauben unterstellt, von „seinem“ Gott unterscheidet. Mit Hinblick auf den „christlichen“ Gott (den es natürlich nicht gibt, da es selbstverständlich keinem Christen mit einem Restvermögen gesunden Menschenverstandes zustehen kann Gott für sich zu beanspruchen) müsste man schlicht und ergreifend feststellen, dass es diesen Unterschied zum „muslimischen“ Gott nicht gibt. Zwar muss ich zugeben, dass das Wort „Allah“ anders klingt – und auch anders geschrieben wird – als das Wort „Gott“. Dieser Umstand lässt sich jedoch ausschließlich aus der Tatsache herleiten, dass es einfach ein und dieselbe Bezeichnung für ein und dasselbe – nur in zwei verschiedenen Sprachen – ist.

Und da ich keinem Menschen unterstellen möchte, so dermaßen einfältig und an funktionierendem Hirngewebe verlustig zu sein, dass er außer Stande ist zu begreifen,  dass sich eine Bezeichnung für „Allah“ bzw. „Gott“, nicht alleine deswegen auf einen anderen Allah – wie auch immer dieser dann geartet sein soll – bzw. auf einen anderen Gott – auch hier wüsste ich nicht, wie man sich das vorzustellen hätte, da Gott allgegenwärtig ist – bezieht, nur weil sie in eine anderen Sprache übersetzt ist, ist für meine Begriffe alleine derjenige Schluss zulässig, nach dem es sich bei den besagten ballspielenden, ausländischen Jugendlichen – oder wenigstens demjenigen, aus dessen Mund diese Aussage stammte – um eine Horde atheistischer Rebellen handelte, deren heidnische Anfeindungen, jeden gläubigen Muslim ebenso beleidigen wie auch die Anhänger des Christentums.

Mit all diesem Wissen im Gepäck, bleibt schließlich nur noch folgende Erkenntnis festzuhalten: Der atheistische Terror ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen!

Der Freiheitskämpfer

Der geneigte Leser wünscht sich ja gerne in den Werken, deren Inhalt er mit seiner begrenzten Auffassungsgabe zu erschließen versucht, immer öfter auch dass die literarischen Ergüsse des Autoren seiner Wahl eine gewisse Bindung zur Realität aufweisen. Um den Ansprüchen meiner Kundschaft und damit natürlich  all jener, die ihr sauer verdientes Geld investieren um mir meinen Luxusurlaub in Dubai im Kreise auserwählter, internationaler Edelnutten zu verbringen, gerecht werden zu können, sehe ich es als ein Gebot der Höflichkeit und des Respekts an, selbst (der ich mich als Anwalt der Menschlichkeit betrachte) ein Opfer zu erbringen um der versammelten Leserschaft meine Hingabe zu demonstrieren. Ich bin fest dazu entschlossen dem Beispiel des legendären Künstlers Vincent van Gogh, der dem gemeinen Kunstbanausen vielleicht entfernt ein Begriff sein mag und von dem diejenigen Leser, die ein Minimum an nennenswerter Schulbildung besitzen hoffentlich wenigstens wissen, dass er der Typ war, der sich ein Ohr abtrennte, zu folgen. Genauer gesagt war es ja so, dass Van Gogh einen etwas unorthodoxen Frauengeschmack hatte. Oder anders ausgedrückt: Er stand darauf verseuchte Straßenhuren zu vögeln. Und so gehört zur Vollständigkeit der Vita van Goghs auch die Tatsache dass er sich sein Ohr nicht etwa aus egoistischer Motivation heraus amputierte (so wie man es normalerweise erwarten würde). Nein, er war so selbstlos dieses abgetrennte und in der Folge dem biologischen Zerfall geweihte Körperteil einer Prostituierten zu vermachen. Nun wäre es für alle Nachahmer wie mich selbst oder Niki Lauda dieser Geste vermutlich dankbarer gewesen, hätte Vincent ein etwas entbehrlicheres Körperteil ausgewählt um es zu verschenken. Die Vorhaut, ein Weisheitszahn oder die Appendix vermiformis. Aber nein, eigensinnig wie er war musste es das Ohr sein.

Um nun jedoch zum Punkt zu kommen. Ich habe es ja bereits angesprochen, dass ich dem Vorbild des Mannes, der zu Lebzeiten auch als „Christ of the coalmines“ also in etwa übersetzt Messias der „Knappen“ (auch wenn dieser Terminus in den westlichen Armutsgebieten der Bundesrepublik Deutschland schon von Rudi Assauer in Anspruch genommen wird), Folge leisten will. Und aus diesem Anspruch heraus erwuchs auch mein Vorhaben auch mein Ohr zu opfern um es im Rahmen einer christlichen Geste der Nächstenliebe einer geistesgestörten Hure zukommen zu lassen. Nun gibt es derer ja unzählige, sodass ich beschloss ein weiteres Kriterium als Eigenschaft, die die glückliche Adressatin meiner Gutmütigkeit aufweisen sollte, vorauszusetzen. Ich wollte ja auch dass meine Tat verstanden wird. Also war es nur recht und billig eine Adressatin zu finden, von der ich annehmen konnte dass sie nicht nur gestört sondern darüber hinaus auch hochintelligent ist. Denn es liegt ja auf der Hand: nur ein extrem intellektuell begabtes Wesen würde mein Präsent auch gebührend wertzuschätzen wissen. Ich brauchte also aus dem gigantischen Pool der ganzen wahnsinnigen Nutten nur irgendeine herausfischen, die gemeinhin als hochbegabt eingestuft wird. Das klingt einfacher als es tatsächlich ist. Denn völlig unerwarteterweise verflüchtigte sich die anfangs schier unendliche Menge der geeigneten Empfängerinnen meiner charmanten Mitgift ganz plötzlich und zu meiner größten Überraschung auf eine verschwindend geringe Population.

Wo waren sie denn plötzlich die Bestseller schreibenden Bordsteinschwalben, die unser Land doch immer zu dem machten was es ist. Wo waren sie, die Dichter- und Denkerinnen im ultraknappen Miniröckchen, die ihren Verehrern in literarisch ästhetischer Prosaik den Abend versüßten. Es schien aussichtslos. Und vermutlich hätte ich die Hoffnung vollends verloren, hätte es der Zufall nicht so gewollt, dass mir eines Tages im Lichte der aufgehenden Sonne an einem dieser mit Erwartungen auf die großen Abenteuer, die er mit sich bringt, beseelten, typisch deutschen Sonntagmorgende die Süddeutsche in die Hände fällt. Gebannt fiel mein Blick sofort auf eine mitreißende Geschichte. Es handelte sich darin um die Lebensgeschichte einer jungen Frau, die als Kind über Jahre hinweg von einem ihrer Nachbarn sexuell missbraucht wurde um dann folgerichtig mit 21 Jahren in einem Bordell als Hure anzufangen, um dann wiederum nach reiflicher Überlegung über die Absicherung des Lebensabends in einer Gesellschaft, deren Zukunft durch den demographischen Wandel der Altersgruppen so unsicher ist wie die Antibabypille bei einer geistig eingeschränkten und alkoholabhängigen Teenieschlampe, den Beschluss zu fassen dem Sexgewerbe den Rücken zu kehren um das umfassende intellektuelle Potenzial das in ihr schlummerte endlich auszuschöpfen.

Ich rieb mir die Augen vor schierer Ungläubigkeit. Als ich nach etwa 27 Minuten wieder mein Augenlicht zurück erlangte und zunächst einmal feststellen musste, dass ich durch die mechanische Manipulation meines Augapfels einen Teil meiner Netzhaut zerstört hatte, wagte ich einen erneuten Versuch das unmöglich geglaubte auf seine wahrhaftige Existenz zu prüfen. Meine von der Gewalt der Natur geschädigten Augen schwenkten ihren Blick einmal mehr über dieses Meisterwerk journalistischer Schaffenskraft. Und tatsächlich! In großen Lettern prangte dort:

„Ein hochintelligentes, sprachbegabtes, körperlich und seelisch schwer geschädigtes Mädchen hat ein Buch über ein ebensolches Mädchen geschrieben. Es heißt Splitterfasernackt. Und es ist erschütternd.“

Ich hatte es also doch geschafft. Das was ich schon fast aufgegeben hatte. Es war plötzlich so nah. Von meinen Glücksgefühlen noch vollkommen überwältigt, taumelte ich durch das Zimmer, stolperte dabei über das Kabel der Beistellampe die ich mir am Tag zuvor gekauft hatte, wodurch die gesamte Steckerleiste aus dem Gemäuer herauskatapultiert wurde.

Ich hatte nicht geahnt dass eine einfache Zeitungsrecherche so viele Opfer mit sich bringen würde. Jedoch zweifelte ich zu keinem Zeitpunkt daran dass ich für die gesundheitlichen Schäden, die mir in diesem Prozess der gesellschaftlichen Horizonterweiterung durch höhere Gewalten zugefügt worden waren ebenso wie der entstandene Sachschaden, der sich mittlerweile auf knappe 5.000€ belief, durch das weit größere Geschenk – nämlich als freier Bürger die objektive, von politischen und wirtschaftlichen Interessen unabhängige und immer glaubwürdige Arbeit gewissenhafter Journalisten genießen zu dürfen – als unwesentliche Kollateralerscheinung weit mehr als entschädigt wurde. Viele Menschen gaben ihr Leben für das Recht auf freie Meinungsäußerung. Ich konnte mich also noch glücklich schätzen, nur einen erheblichen Teil meines Sehvermögens, eine 300€ Lampe und die Stromversorgung, verloren zu haben.

Die Abenddämmerung hatte sich inzwischen über den Dächern der Stadt erhoben. Als ich aus dem Fenster gen Horizont, in dessen Angesicht die funkelnden Sterne wie liebliche Engel, die uns behutsam in die Stille der Nacht begleiten, zu blicken versuchte versperrte mir die Straßenbahn die Sicht. Ich wurde allerdings mindestens gleichwertig entschädigt, und zwar mit einem Werbeaufdruck von Dunkin‘ Donuts der schillernd auf dem verdreckten Wagon über den gesundheitsschädlichen Elektrosmog der Innenstadt erhaben, empor strahlte.

Ich dachte mir: „Scheiß auf Lilly Lindner, was denkt sich diese gestörte Nutte überhaupt von mir verlangen zu können mir mein Ohr wegzuschneiden?!“ und begab mich gequält von der Anstrengung und den Schmerzen die mir der Kampf um mein Recht auf frei zugängliche Information durch die Printmedien abgerungen hatte, stolz und glücklich in dem Wissen die Demokratischen Grundprinzipien, auf deren Basis unsere Gesellschaft beruht, gegenüber den Bemühungen der islamischen Extremisten unsere gut funktionierende Demokratie in einen Gottesstaat umzuwandeln verteidigt zu haben, zu Bett. Und ich denke: Derartiges erreicht zu haben kann ein Vincent van Gogh wohl kaum von sich behaupten.